Mein Berlin

Ohne Kitas führt kein Weg aus der Krise

Corona zwingt die Gesellschaft seit Wochen in die eigenen vier Wände. Die Diskussion über die stufenweise Rückkehr zur Normalität läuft. Doch ausgerechnet die Kitas sollen bis Sommer geschlossen bleiben. Das wird nicht funktionieren.

„Schockstarre“ schrieb jemand auf Twitter, nachdem die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ihre Empfehlung für die Rückkehr zur Normalität veröffentlicht hatte. Ausgerechnet die Kindertagesstätten sollen demnach bis zum Sommer geschlossen bleiben, weil sich die Kleinsten nicht an die Abstandsregeln halten könnten.

Im Gegensatz zur Betreuung der Kleinsten läuft der Unterricht in den oberen Schulstufen langsam wieder an. Die Mittlere Reife und das Abitur sollen bis zum Sommer abgenommen sein. Man vertraut darauf, dass sich die jungen Lernenden an die Regeln halten können, weil sie die Dringlichkeit der Lage verstünden.

Zugegeben, das ist bei Kita-Kindern nicht immer möglich. Viele verstehen noch nicht, dass sie aufgrund von Corona Oma und Opa nicht sehen können oder Menschen mit Masken an ihnen vorbeilaufen. Sie verstehen nur, dass sie ihre Freunde nicht sehen können und die flächendeckende Maskerade ängstigt sie.

Dabei ist die Kindertagesstätte ein ganz besonderer Ort, nicht nur weil sich das Gros der Eltern zum ersten Mal konstant über mehrere Stunden von ihren Kindern trennt. In den Einrichtungen lernen die Kinder soziale Fähigkeiten und zu Spiel und Spaß werden sie auch auf die Schule vorbereitet. Das ist eine ganz wichtige Entwicklungsstufe – oder wissen Sie, wie so ein methodisches Spiel didaktisch profund zu organisieren ist?

Von diesen erlernten Kompetenzen profitieren Kinder ein Leben lang, das wird im Frühjahr 2020 unterdrückt. Für einen bestimmten Zeitraum ist auch das unvermeidlich gewesen, aber immer dann, wenn eine Landesregierung die Schließungen ´bis auf Weiteres` verlängert, sollten Eltern hellhörig werden.

Neben den pädagogischen Aufgaben übernimmt die Kita aber vornehmlich eine Ersatzleistung. Die Bundesrepublik steckt nicht mehr inmitten der 1960er Jahre, in denen die Frau zuhause blieb, sich um Haushalt und Kinder kümmerte. Moderne Gesellschaften bieten beiden Elternteilen die Chance, sich beruflich frei zu entfalten. Die Kita ist da wesentlicher Bestandteil.

Wenn jetzt das öffentliche Leben wieder startet – und es muss starten -, wird beispielsweise der stationäre Handel nicht ohne Arbeitskraft auskommen. Wo sollen die Kinder dann bleiben? Bei Oma und Opa jedenfalls nicht. Weiten wir dann den Bereich der systemrelevanten Berufe derart weit aus, dass die Kitas dennoch auf bis zu 80 Prozent der eigentlichen Kapazität ausgelastet sind? Wie groß ist dann noch der Effekt, der den Virus eindämmen soll? Wer soll das verantworten?

Denn auch die Familien, die seit Wochen zwischen Kind und Homeoffice jonglieren, sind bereits an der Grenze des Machbaren angelangt. Eine wichtige Telefonkonferenz kann man in Jogginghosen abhalten. Komplexe Papiere hingegen durcharbeiten, derweil der Dreijährige lieber Bauklötzen spielen will und am Hosenbein hängt, das ist kaum möglich. Haben diese dann ein Anrecht auf eine Kita-Betreuung?

Die neuen Regelungen sagen Millionen Arbeitnehmern, die ihre Kinder nicht in die Kita bringen dürfen, dass ihre Arbeit systemirrelevant sei. Dabei zahlen gerade viele dieser Arbeitnehmer Spitzensteuersätze und stützen das System mit ihren Abgaben immens.

Dazu braucht es mitunter eine realistische Perspektive für freie Träger, die mittlerweile mehr als die Hälfte des Betreuungsangebotes stellen. In Berlin ist beispielsweise ist deren Finanzierung immer noch nicht abschließend geklärt. Die Mittel werden durch das Aussetzen des Betriebes ebenfalls runtergefahren. Wie viel es schließlich vom Senat gibt, wann sollen die Mittel fließen und wie lang braucht die Berliner Bummelverwaltung für die Bearbeitung der Anträge? Bislang alles unklar.

Branchenkenner warnen bereits, dass das eine Insolvenzwelle nach sich ziehen könne. Bereits vor der Corona-Krise hatte beispielsweise Berlin mehr Kinder als Kita-Plätze, dieses Ungleichgewicht droht sich sogar noch zu verstärken, wenn Kita-Träger zur Aufgabe gezwungen werden. Bis zu 30.000 Betreuungsplätze könnte die Schließung bis zum anvisierten Wiederbeginn am 1. August vernichtet haben.

Wenn die Kindertagesstätten jetzt geschlossen bleiben, kann es dazu passieren, dass wir Millionen Kinder wieder eingewöhnen müssen. Jeder, der das bereits schon einmal mitgemacht hat, weiß um diese Herausforderung. Ob die Kindertagesstätten auf diese Situation, die dann entsteht, reagieren können, bleibt ebenfalls fraglich.

Denkbar wäre, dass die Kindertagesstätten mithilfe eines strukturellen Infektionsschutzes wieder ans Netz gehen. Kinder, die seit der Corona-Schließung in der Notbetreuung sind, bleiben in einer Gruppe. In der erweiterten Notbetreuung teilen sich Gruppen die Kita. Dann geht eine Gruppe montags und dienstags in die Kita, die andere Gruppe an den Donnerstagen und freitags. In entsprechenden Zeitfenstern wird die Kita gereinigt. Es dürften immer nur zwei Eltern gleichzeitig ihre Kinder in der Kita abgeben, ein ähnliches Prinzip wie im Supermarkt.

Wir müssen die Lösungen für eine verantwortungsvolle Lockerungsstrategie jetzt in Gänze betrachten. Deshalb sollten die Regierungen in Bund und Land hinter wissenschaftlichen Adhoc-Stellungnahmen verstecken, sondern ausgewogen urteilen. Das beginnt damit, dass an den Tischen der Expertenrunden nicht nur Virologen über geeignete Maßnahmen beraten. Die Einschätzungen von Wirtschaftswissenschaftler und Pädagogen sollten ebenfalls gehört werden.

Dieser Text erschien in der B.Z. am 17. April 2020.

 

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