Mein Berlin

Tag der Deutschen Einheit: Das Ding mit dem Wir-Gefühl

Deutschland feiert – irgendwie. Derweil sich die Republik in Berlin selbst feiert, entfremden sich weite Teile des Landes. Aus Angst vor dem vermeintlich Fremden verabschieden sich viele Bürger von Demokratie und dem Wir-Gefühl. Ein Land, kein Volk?

Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt – mehr 40 lange Jahre wurde dieses Lied in der Deutschen Demokratischen Republik zu offiziellen Anlässen abgespielt. Ein geradezu groteskes Bild: Denn eigentlich die DDR erst mit dem Mauerfall ihren Ruinen entstiegen und wandte sich der Zukunft zu. Als sich die Bruder-Staaten nach 1989 wieder vereinten, galt die Industrie des sozialistischen Bruderstaates als abgehängt.

Das Gros der Maschinen waren veraltet, die genutzte Technik gehörte ins Museum. Die Deutsche Treuhand sollte die Restbestände in den frühen 1990er Jahren sichten, beziffern und schließlich verwerten. Die Ostdeutschen fühlten sich verraten oder zumindest unter Wert verkauft. Bis heute bereitet das den Menschen Phantomschmerzen. Und das ist nur ein kleiner wirtschaftlicher Auszug, der so zutage gefördert wurden.

Geschichte, die schmerzt.

Bis heute arbeiten viele Menschen aus den neuen Bundesländern ihre Geschichte auf, einige erfahren auch 2018 noch, dass sie seit Jahren von der Staatssicherheit bespitzelt wurden, dass einst Freunde oder sogar die engste Familie für das Staatsorgan aufschrieb, was so am Küchentisch erzählt wurde. Die Stasi schaffte durch perfide Abhörmethoden sogar in die Schlafzimmer. Der Informelle Mitarbeiter saß unterm Dach und hörte mit, wenn es intim wurde. Die persönlichen Schicksale, die sich daran knüpfen, sind nicht nur Randnotizen in der Geschichte. Sie gehören zu uns.

Sektkorken wurden zu gefährlichen Geschossen

Dort, wo noch am 9. November 1989 noch Sektkorken knallten, erodierte dieses neu gewonnen Wir-Gefühl so ziemlich schnell wieder. Beispiele gefällig? Im Sport: die Berliner Eisbären aus Hohenschönhausen gegen die Preußen aus der Jafféstraße in Charlottenburg.

Ossi oder Wessi war plötzlich eine Kategorie. Bis heute halten sich Ressentiments. Union gegen Hertha BSC. In der Union-Hymne fragt Sängerin Nina Hagen sodann auch rhetorisch: ´Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen?`.

Bis heute hält sich diese toxische Mischung. Von der einstigen Aufbruchsstimmung ist nicht viel geblieben. Womöglich hatte sich die Regierung Kohl die blühenden Landschaften zu naiv gedacht. Die Saat ausbringen ist das eine, die stetige Pflege samt Bewässerung das andere.

Ungeklärte Identitätsfrage

Vielleicht haben wir den Fehler gemacht und geglaubt, dass Ost und West irgendwann keine Themen mehr sind. Oft verbinden sich Identität und Veränderung zu einer gefühligen Melange. Erst, wenn etwas nicht mehr ist, merken wir, wie sehr es uns doch fehlt und für wie selbstverständlich wir die nun fehlenden Teile unseres Alltags genommen haben.

Nehmen Sie das Ruhrgebiet. Unlängst ist die Dieselkatze, eine Art Schwebebahn, die Menschen und Material in ein Berwerk fährt oder es wieder aus ihm herausholt, letztmalig in die Tiefe unter Bottrop gesaust. Seit Mitte September ist bei Prosper-Haniel Schicht im Schacht. Oder nehmen Sie eine mir sehr vertraute Bezugsgröße: Im alten Westteil Berlins wurde mit der Inbetriebnahme des Berliner Hauptbahnhofes zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 der Bahnhof Zoologischer Garten vom Fernverkehrsnetz genommen. Der Protest ließ nicht lange auf sich warten.

Die Welt verändert sich. Zu allen Zeiten tat sie dies. Fortschritt verändert uns, er macht unser Leben besser. Allerdings dürfen wir über all der Veränderung, beim Besserwerden, nicht unsere wichtigste Bezugsgröße außer Augen – den Menschen.

In Ereignisse in Chemnitz sowie der gesamte Umgang mit der Flüchtlingsdebatte sind auch Ausdruck einer abgehängten Gesellschaft. Antidemokratische Konstrukte brechen aus der Mitte der Gesellschaft. Sie haben es sogar schon in das Parlament geschafft und arbeiten an der Zersetzung des hohen Hauses.

Gründe dafür gibt es viele. Ein wesentlicher ist allerdings dieser: Immer dann, wenn Neues Altes ablöst und sich das dann nicht besser anfühlt, reagiert der Gutteil mit Rückwärtsgewandtheit. Oft sind es allerdings subjektive Wahrnehmung, die objektive Zahlen überlagern. In der Rückschau sind Unrechtsstaat und Volksgefangenschaft dann nur noch halb so schlimm oder fast verblast.

Machen Sie sich frei

Zum Tag der Deutschen Einheit könnten wir, anstatt über das Gestern nachzudenken, uns auch mal der Zukunft zuwenden – so wie es einst in der Hymne der DDR hieß. Der Staat wird auch in den kommenden Jahren nicht der große Kümmerer sein. Der wahre Wert der Art, wie wir lieben, liegt nicht darin, uns gegenseitig durch Regeln zu hemmen, sondern die Eröffnung von Chancen ermöglichen.

In dieser neuen Bundesrepublik können Sie heute gehen, wohin Sie wollen, Sie können der Mensch sein, der sie wirklich sind. Sie können sagen, was Sie denken; lieben, wen Sie möchten; glauben, was sie wollen. Feiern Sie diesen Tag der Deutschen Einheit, er ist auch der Tag der Deutschen Freiheit.

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